Seit dem Start dieses Blogs hat sich einiges getan: Nachhaltigkeit ist mittlerweile von einem Nischen- zu einem Mainstreamthema avanciert. Es existieren unzählige Beispiele guter fachlicher Praxis. Daher möchte ich diese Plattform stärker als bisher für das Sichtbarmachen innovativer und guter Ansätze in der Nachhaltigkeitspraxis nutzen.

Start dafür ist eine Interviewreihe mit Nachhaltigkeitsbeauftragten in Museen und Besucherzentren.

 

Schweizerischer Nationalpark als Vorbild

Das Besucherzentrum des Schweizerischen Nationalparks in Zernez dient als zentrale Informations- und Bildungsstelle für den Nationalpark. Es bietet wissenschaftlich fundierte Ausstellungen zu den ökologischen, geologischen und biologischen Besonderheiten des Schutzgebiets. Neben interaktiven Modulen zur Tier- und Pflanzenwelt stellt das Zentrum die Forschungs- und Schutzmaßnahmen im Park vor. Hans Lozza verantwortet den Bereich Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit rund um den Nationalpark und ist damit auch für das Besucherzentrum zuständig.

 

Nachhaltigkeit im Nationalparkhaus Zernez

Christopher Garthe: Gibt es eine spezifische Position für Nachhaltigkeitsmanagement im Nationalparkzentrum?

Hans Lozza: Ja, wir haben eine Doppelstruktur: Ich bin Leiter Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit und zuständig für das Nationalparkzentrum. Mein Kollege aus der Geschäftsleitung ist für den gesamten Nationalpark und die Nachhaltigkeit zuständig. Wir arbeiten eng zusammen, um nachhaltige Maßnahmen voranzutreiben und tauschen uns regelmäßig aus, da Nachhaltigkeit sowohl in der Außenkommunikation als auch im operativen Betrieb des Nationalparks eine Rolle spielt. Zusätzlich werden Nachhaltigkeitsmaßnahmen in der gesamten Geschäftsleitung besprochen und weiterentwickelt, um langfristige Strategien zu formulieren.

 

Nachhaltigkeitsstrategie und Maßnahmen

CG: Existiert eine Nachhaltigkeitsstrategie mit klar definierten Zielen?

HL: Ja, wir haben eine detaillierte Strategie mit ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nachhaltigkeitszielen. Dabei identifizieren wir regelmäßig Schwachstellen und passen unsere Maßnahmen an, um kontinuierlich Verbesserungen zu erzielen. Unsere Strategie besteht aus einem umfassenden Bericht, der regelmäßig überarbeitet wird. In diesem Bericht sind alle relevanten Aspekte erfasst, darunter Energieverbrauch, Ressourcenmanagement, Mobilität und soziale Aspekte.

Ein wichtiger Punkt ist, dass nicht nur langfristige Maßnahmen betrachtet werden, sondern dass wir auch kurzfristige Schritte einplanen, um kontinuierliche Fortschritte zu erzielen. Ein Beispiel hierfür ist die Optimierung der Beleuchtung in der Ausstellung, wo wir vollständig auf LED-Technologie umgestellt haben.

 

CG: Welche Maßnahmen setzen Sie konkret um?

HL: Unsere Maßnahmen basieren auf drei Säulen: ökologisch, sozial und wirtschaftlich. Im ökologischen Bereich liegt der Fokus darauf, unseren Fußabdruck so gering wie möglich zu halten.

Das Gebäude wurde 2008 errichtet und ist an das Fernwärmenetz der Gemeinde Zernetz angeschlossen, das mit regionalem Holz betrieben wird – fossile Brennstoffe kommen nicht zum Einsatz. Ein großer Fortschritt war die nachträgliche Installation einer 31-Kilowatt-Solaranlage auf dem Dach. Diese produziert besonders tagsüber, wenn das Zentrum in Betrieb ist, überschüssige Energie, die für den Gesamtbetrieb oder zum Laden von Elektrofahrzeugen genutzt wird. Auch bei der Reinigung setzen wir auf umweltfreundliche Methoden und nutzen ausschließlich biologisch abbaubare Reinigungsmittel. Ein weiteres zentrales Thema ist die nachhaltige Mobilität: Dank der günstigen Lage im Dorf ist das Zentrum problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Eine eigens errichtete Bushaltestelle erleichtert den Zugang, und die Einführung einer Gästekarte, die freie ÖPNV-Nutzung ermöglicht, hat die Nutzung des öffentlichen Verkehrs verdoppelt. Zudem sind wir seit 15 Jahren Mitglied bei „Fahrziel Natur“ und setzen uns aktiv für eine umweltfreundliche Anreise ein. Letztes Jahr wurde dieses Engagement mit einer Auszeichnung belohnt – eine Deutsche Bahn-Lok trägt nun ein Sujet des Schweizerischen Nationalparks.

Neben ökologischen Aspekten spielt auch die soziale Nachhaltigkeit eine große Rolle: Langfristige Arbeitsplätze und persönliche Beratung statt Automatisierung sind zentrale Werte unseres Besucherzentrums. Zudem achten wir auf einen wirtschaftlich tragfähigen Betrieb, der durch Eintrittsgelder und den Verkauf nachhaltiger, regionaler Produkte unterstützt wird.

 

CG: Welche Rolle spielt der Shop im Nachhaltigkeitskonzept?

HL: Unser Shop ist auf regionale Produkte ausgerichtet. Wir arbeiten mit Kleinbetrieben aus der Umgebung zusammen, die speziell für uns nachhaltige Artikel herstellen. Unser Personal schlägt zudem aktiv neue Produkte vor, die zur Philosophie unseres Hauses passen. Der Shop ist nicht nur eine Einnahmequelle, sondern auch ein Instrument zur Förderung lokaler Wertschöpfung. Viele unserer Produkte entstehen in kleinen Handwerksbetrieben, die sich auf nachhaltige Materialien spezialisiert haben. Wir haben eine interne WhatsApp-Gruppe, in der unsere Mitarbeitenden interessante Produkte vorschlagen, die sie auf Reisen oder Märkten entdecken. Diese Dynamik sorgt dafür, dass unser Sortiment stets aktuell und abwechslungsreich bleibt.

 

Nachhaltiges Ausstellen

CG Wie wird Nachhaltigkeit in der Ausstellung selbst umgesetzt?

HL: Unsere Ausstellung besteht aus nachhaltigen Materialien, darunter Holz aus der Region, Wollfilz für Wandverkleidungen und Akustikplatten aus recyceltem PET. Außerdem setzen wir auf energieeffiziente Technik wie LED-Beleuchtung und eine optimierte Steuerung der Mediensysteme.

In der Gestaltung der Ausstellung haben wir darauf geachtet, langlebige und nachhaltige Materialien zu verwenden, darunter Holz aus der Region. um Transportwege zu minimieren. Zur Schallisolierung nutzen wir Platten aus recycelten PET-Flaschen, was eine umweltfreundliche Alternative zu herkömmlichen Materialien darstellt. Außerdem setzen wir Wollfilz für Wandverkleidungen ein.

Ein wichtiges Thema ist die optimierte Steuerung der Mediensysteme: Diese wird nur bei Bedarf – also wenn Bsucher in der Ausstellung sind – aktiviert. Dies spart Energie und verlängert die Lebensdauer der Geräte.

 

Interner Change Prozess

CG: Wie motivieren Sie Ihre Mitarbeiter und wie steuern Sie den internen Change-Prozess in Richtung Nachhaltigkeit?

HL: Wir haben Workshops für das Team organisiert, um die Bedeutung der Nachhaltigkeit im Betrieb zu verdeutlichen. Zudem hatten wir eine Zeit lang eine Pinnwand im Gebäude, an der alle Mitarbeitenden ihre Ideen zur Verbesserung unserer Nachhaltigkeit festhalten konnten. Dadurch entstand eine offene, transparente Diskussion über mögliche Maßnahmen.

Kommunikation ist ein zentraler Bestandteil dieses Prozesses. Wir haben ein internes Mitteilungsblatt, das alle zwei Monate erscheint und regelmäßig über Fortschritte informiert. Unsere Mitarbeiter wissen, dass Nachhaltigkeit für uns einen hohen Stellenwert hat, und sind dadurch stärker motiviert, selbst einen Beitrag zu leisten.

Auch kleine Maßnahmen tragen zur Sensibilisierung bei. Beispielsweise sind Bildschirmschoner bei uns überholt – moderne Geräte gehen automatisch in den Energiesparmodus. Wer dennoch einen Bildschirmschoner benutzt, wird darauf hingewiesen, dass das unnötig Energie verbraucht. Es sind solche kleinen Veränderungen im Alltag, die den Wandel hin zu einem nachhaltigeren Betrieb unterstützen.

 

CG: Veröffentlichen Sie einen Nachhaltigkeitsbericht für das Besucherzentrum oder den Nationalpark insgesamt?

HL: Wir haben uns diese Frage bereits gestellt, allerdings ist unser Bericht eher ein Arbeitspapier als ein klassischer Nachhaltigkeitsbericht. Er dient uns intern als Ideensammlung und Dokumentation von Maßnahmen – was wurde bereits umgesetzt, wo gibt es noch Handlungsbedarf und welche Potenziale können wir noch ausschöpfen? Dieses flexible, rollende Planungsinstrument ermöglicht es uns, schnell auf neue Entwicklungen und Herausforderungen zu reagieren.

Grundsätzlich schließen wir aber nicht aus, in Zukunft eine öffentliche Version unseres Berichts zu erstellen, die in regelmäßigen Abständen über unsere Fortschritte informiert. Dies könnte nicht nur Transparenz schaffen, sondern auch als Best-Practice-Beispiel für andere Institutionen dienen.

 

Vision für das Besucherzentrum

CG: Welche zukünftigen Nachhaltigkeitsziele haben Sie?

HL: Natürlich eine weitere Reduktion des Footprints, das ist klar. Da erhoffen wir uns mit neuen intelligenten Steuerungssystemen noch mehr Möglichkeiten. Zum Beispiel könnte ein Raum erst in Betrieb genommen werden, wenn sich jemand annähert. Die technische Umsetzung ist allerdings nicht immer einfach, da sie von der Gebäudestruktur und den vorhandenen Systemen abhängt. Aber mit den heutigen Smart-Technologien sollten sich weitere Optimierungen realisieren lassen, sodass wirklich nur dort Energie verbraucht wird, wo sie auch gebraucht wird. Ein weiteres großes Thema ist der Energieverbrauch von Medientechnik, insbesondere von Beamern. Diese Geräte sind nach wie vor sehr stromintensiv, obwohl sie für großflächige Projektionen unerlässlich sind. Wir hoffen, dass in Zukunft neue Technologien verfügbar werden, die den Stromverbrauch solcher Systeme weiter reduzieren.

Letztlich geht es darum, an vielen kleinen Stellschrauben zu drehen. Maßnahmen wie die Umstellung auf LED-Beleuchtung oder die Anschaffung energieeffizienter Geräte in der Ausstellung sind bereits umgesetzt, aber es gibt immer wieder Optimierungsmöglichkeiten. Beispielsweise achten wir verstärkt darauf, bei Neuanschaffungen bewusst nachhaltige Produkte zu wählen – selbst wenn diese eine höhere Anfangsinvestition erfordern. Viele kleine Schritte summieren sich zu einer großen Wirkung, und genau diesen Weg werden wir weiterverfolgen.

 

CG: Vielen Dank für das Gespräch.

Foto Copyright: Roland Zumbuehl